Geschrieben am: 12.06.2013 von stopp-rechts
Die Zeiten von kahlköpfigen Nazi-Skinheads sind längst vorbei. Auch eindeutig rechte „Kameradschaften“ wie die „AG Wiking“ gehören in Wilhelmshaven der Vergangenheit an. Die NPD-Strukturen an der Jade sind fast vollständig zerschlagen, einzig eine Handvoll brauner Gesellen treibt in Wilhelmshaven noch öffentlich wahrnehmbar ihr Unwesen.
Längst hat sich auch die rechte Szene Wilhelmshavens (mehr oder weniger) verdeckt in die Mitte der Gesellschaft geschummelt. Teils völlig unbemerkt, teils erkannt und bewusst ignoriert, tummeln sich bekannte und unbekannte Nazis an vielen Orten und in diversen Organisationsstrukturen.
Im Vordergrund stehen nicht mehr die politische Ausrichtung, die Menschenverachtung, der Rassismus und die Ausländerfeindlichkeit. All dies wird hinter scheinbar harmlosen Strukturen versteckt. Hinweise auf die geistige Heimat der Mitglieder dieser unterschiedlichen Erscheinungsformen gibt es aber reichlich.
Durch diese abermals neue Taktik der Rechten gelingt es ihnen zeitweise, von ihren eigentlichen Zielen abzulenken. Eine klar erkenntlich rechte Kameradschaft bietet natürlich viel mehr Angriffsflächen, als ein harmlos erscheinender Autoclub. Durch die scheinbar unpolitische Ausrichtung der Strukturen wird versucht, jeden möglichen politischen Vorwurf im Keim zu ersticken.
So wirkt das „Geschwader Nord“ (Seite: www.geschwader-nord.de) erstmal nur durch die Verwendung der altdeutschen Schrift etwas unzeitgemäß. Auf der Homepage geht es aber „nur“ um Autos, Benzin und gemeinsame Treffen. Nicht die hohe Kultur, aber augenscheinlich völlig unpolitisch.
Auf ihrer Facebook-Seite (Seite: www.facebook.com/geschwader.nord) sind dann aber die Hinweise zu finden, die die politische Ausrichtung der Mitglieder offenbart. Neben auch hier im Vordergrund stehenden Auto-Nachrichten werden im Bereich der musikalischen Interessen die Hosen runter gelassen. Mit den „Böhsen Onkelz“ und „Frei.Wild“ wird der nationalistische Teil der Jugend angesprochen. Mit „Kategorie C“, einer Nazi-Band aus Bremen, wird dann aber auch der radikale Teil der rechten Szene entsprechend bedient.
Auch in der Gastronomie in Wilhelmshaven gewinnt die rechte Szene an Boden. In der Mainstraße eröffnete jüngst eine kleine Kneipe, in der man das Bier auch mal von Björn Wilhelmsen gezapft bekommt, da seiner Frau das Geschäft gehören soll. Der ehemalige NPD-Kader ist hinlänglich bekannt und sorgte erst vor wenigen Monaten für Unruhe, als er den „Red Devils MC“ (RDMC) beigetreten ist.
Zwar hat sich der RDMC inzwischen von Wilhelmsen getrennt, einzelne Mitglieder sollen aber weiterhin sehr freundschaftliche Beziehungen zu dem ehemaligen Mitglied des Nazi-Liedermacherduos „Frei & Stolz“ unterhalten.
Björn Wilhelmsen ist darüber hinaus auf Facebook auch mit dem Oberbürgermeister der Stadt Wilhelmshaven, Andreas Wagner, befreundet. Auch auf einen entsprechenden Hinweis auf die unsägliche Freundschaft reagierte Wagner nicht. Zwar sperrte er den Hinweisgeber für Kommentare, Wilhelmsen befindet sich aber noch immer auf der Freundesliste des Oberbürgermeisters.
Vor Kurzem versuchte sich ein NPD-Aktivist darin, ein Heavy Metal-Konzert in Altengroden zu organisieren (Seite: www.antifaaurich.blogsport.de). Devin J., der noch kurze Zeit vorher eine NPD-Kundgebung in Oldenburg besuchte, wurde von der Auricher Antifa geoutet und die Bands zogen ihre Zusage umgehend zurück.
Noch nicht in Wilhelmshaven angekommen ist die „Identitäre Bewegung“. In Ostfriesland hat dieses Sammelbecken von Nazis, Nationalisten, Rechtspopulisten und Glaubenskriegern bereits Fuß gefasst. Wir dürfen gespannt sein, wann sie an der Jade erstmals auftauchen.
Auch der schon fast in Vergessenheit geratene ehemalige „Kopf“ der Wilhelmshavener Nazi-Kameradschaft „AG Wiking“, Manuel Wojtczak, der auch für die NPD als Kandidat auftrat, scheint noch immer (oder wieder?) seine alten Verbindungen zu haben. So ist er bei Facebook u.a. auf der Freundesliste der Betreiberin der o.g. Kneipe in der Mainstraße. Sein Arbeitgeber, eine Bäckerei am Wasser, scheint keine Probleme mit der Vergangenheit seines Mitarbeiters zu haben.
Zwar hält sich die rechte Szene Wilhelmshaven seit einigen Monaten mit strafrechtlich relevanten Taten zurück, offene Organisationsstrukturen fehlen und rechte Propaganda findet nur selten oder verborgen statt, Entwarnung ist deshalb aber nicht zu geben. Vielmehr sollte es ein schrillendes Alarmsignal sein, dass unsere Gesellschaft scheinbar kaum mehr Berührungsängste mit Nazis hat, solange diese nicht zu offensichtlich mit ihrer Gesinnung hausieren gehen.
Der Versuch, rechtes Gedankengut in scheinbar unpolitischen Strukturen zu verpacken, gewinnt immer mehr Freunde. Bands wie „Frei.Wild“, die sich gerne unpolitisch geben, Nazis aber wie ein Magnet anziehen und mehr als nationalistische Texte haben, ebnen den Weg in die Mitte der Gesellschaft.
Solange aber unsere Gesellschaft das akzeptiert, spielt sie mit dem Feuer. Jeder Meter gesellschaftlichen Lebens, den die Nazis erobern, wird nur mit sehr viel Kraft zurückgewonnen werden können. Nazis sind keine netten Nachbarn, keine Menschenfreunde, keine virtuellen Freunde. Nazis sind Feinde der Menschlichkeit, der Kultur, der Vielseitigkeit und des Lebens.


Das Wilhelmshavener Netzwerk gegen Rechts lädt ein zur Diskussionsveranstaltung
Mit einem Bus werden rund 20 Stationen in der Stadt angefahren. In Wilhelmshaven gab es nicht nur das Konzentrationslager am Alten Banter Weg. Es gab Zwangsarbeit, viele weitere Lager, Erschießungsplätze, die Büros der Geheimen Staatspolizei (Gestapo).


