Geschrieben am 10.05.2010 von stopp-rechts
Am gestrigen Sonntag fand in Wilhelmshaven der Parteitag der NPD Niedersachsen statt. Die Presse berichtete, dass Wilhelmshaven als Ersatzort für Bad Gandersheim herhalten musste. In Gandersheim wurde der NPD-Parteitag kurzfristig verboten. Nach Informationen des Wilhelmshavener Netzwerk gegen Rechts kam es bereits am 05. Mai zu einem Ortstermin in Wilhelmshaven von NPD-Vertretern und dem Wirt des Versammlungsortes, Pico Wach. Es ist also davon auszugehen, dass Bad Gandersheim von Beginn an nur als “Fake” der Nazis ins Spiel gebracht wurde, da dieser Versammlungsort erst am 06. Mai verboten wurde.
Gegen 10.00 Uhr trafen die ersten NPD-Anhänger in der ehemaligen Gaststätte “Deutsche Bucht” in der Ulmenstraße ein. Über 120 Teilnehmer wurden angekündigt, nur knapp 50 kamen nach Wilhelmshaven. Zeitgleich mobilisierte das Netzwerk gegen Rechts per Internet, Twitter, Radio und Telefonkette über den NPD-Parteitag. Binnen weniger Minuten trafen die ersten Antifaschisten vor der Deutschen Bucht ein. Zu diesem Zeitpunkt waren nur wenige Streifenwagenbesatzungen der völlig überraschten Wilhelmshavener Polizei vor Ort. Die Polizei hatte weder Kenntnis von dem NPD-Parteitag, noch von den anlaufenden Protesten des Netzwerkes.
Gegen 12.00 Uhr waren ca. 50 Antifaschisten in die Ulmenstraße gekommen. Die Autos der angereisten Nazis wurden von 6 Schlägern der NPD bewacht. Die Wagen trugen zum Teil “Thor Steinar”-Werbung. Ein PKW zeigte das “SS”-Zeichen auf dem Kofferraum. Die anwesende Polizei ließ die Antifaschisten bis dirket vor die Eingangstür der Deutschen Bucht vordringen. Mit Trillerpfeifen, Musik und Sprechchören wurde der NPD-Parteitag gestört.
Die Nazis versuchten derweil im Inneren der ehemaligen Kneipe ihren Parteitag abzuhalten. Bei Bier und Würstchen vom Grill wurde unter der gehissten NPD-Fahne altes Gedankengut ausgetauscht. Selbst der NPD-Parteivorsitzende Pastörs war angereist. Dieser musste allerdings schnell feststellen, dass der “geheime” Tagungsort nicht so ganz dem Wunsch der NPD entsprach. Statt einer schicken Halle gab es nur eine marode und geschlossene Kneipe in einem völlig baufälligen und heruntergekommenen Haus. Die Parteitagsteilnehmer mussten sich durch Holzgatter in einen stinkenden Hinterhof zurückziehen.
Der Inhaber der ehemaligen Kneipe “Deutsche Bucht”, Pico Wach, steht offen zu seiner faschistischen Gesinnung. Als Mitglied der “Deutschen Partei” (DP) stellt Wach seine Kneipe seit Jahren der faschistischen Gruppe “Pro Deutschland” und der ehemaligen Wilhelmshavener Kameradschaft “AG Wiking” zur Verfügung. Wach trat auch schon als Kandidat der DP zur Kommunalwahl auf. Wach verabschiedete die NPD-Nazis später mit freundlichen Worten, Handschlag und einem Lächeln auf dem Gesicht.
Gegen 13.00 Uhr zeigte das Netzwerk seine Mobilität und Flexibilität. Der Informationsfluss funktionierte und trotz des Muttertages kamen mehr und mehr Antifaschisten in die Ulmenstraße. Rund 60 waren es zu diesem Zeitpunkt. Anwohner gaben bereitwillig Strom für die Musikanlage. Kaffee und Brötchen wurden organisiert. Es sollte noch ein langer Sonntag werden.
Ebenfalls gegen Mittag wurden die inzwischen angeforderten Oldenburger Einsatzkräfte der Polizei gegen die üblichen Demotruppen der Polizei ausgetauscht. 1 Hundertschaft Oldenburger Bereitschaftspolizei wurde durch 2 Hundertschaften aus Hannover (BFE) ergänzt. Hunde, Lautsprecherwagen und Kamerawagen waren obligatorisch. Weitere Hundertschaften wurden angefordert, als das Gerücht die Runde machte, dass sich mehrere Antifaschisten aus Oldenburg nach Wilhelmshaven begeben wollten.
Tatsächlich aber zeigte das Wilhelmshavener Netzwerk gegen Rechts, dass friedlicher antifaschistischer Protest einer breiten Basis Ziel der Aktion war. So trafen mit Volker Block (Kreisvorsitzender der SPD), Jörn Felbier (Kreisvorsitzender der CDU), Peter Sokolowksi (Kreisvorsitzender der Grünen) und den Ratsabgeordneten Hans-Jürgen Kempke (SPD) und Werner Biehl (Die Grünen) weitere Vertreter der kommunalen Politik ein. Die LINKE war mit den Ratsabgeordneten Johann Janssen und Gerold Tholen, sowie über 20 Mitgliedern aus Wilhelmshaven und Friesland von Beginn bis Ende der Demo vertreten.
Gegen 14.00 Uhr traf dann die musikalische Unterstützung der Nazis ein. Gleich zwei Bands wurden aufgefahren, um die Parteitagsteilnehmer bei Laune zu halten. Eigens aus der Uckermark angereist verbündeten sich stiefeltragende Glatzköpfe mit den Altnazis der NPD.
Keine Beteiligung am NPD-Parteitag gab es aus Wilhelmshaven. Die NPD ist vor Ort zusammengebrochen. Auch Kameradschaftvertreter konnten sich nicht zum Tagungsort durchschlagen. So blieben die angereisten Nazis unter sich. Mehrfach zuckten die bewachenden jungen Schlägertruppen der NPD unter den Provokationen der Antifaschisten, wurden aber immer wieder durch eingehende Gespräche mit ihren Rädelführeren zur Ordnung gerufen. Die steigende Nervosität der Nazi-Schläger war immer dann zu erkennen, wenn diese ihre Handschuhe anzogen und hektisch die Köpfe zusammensteckten.
Gegen 16.00 Uhr sickerte durch, dass der NPD-Parteitag bis ca. 19.00 Uhr gehen sollte. Vereinzelt verließen bereits vorher Nazis unter Polizeieskorte den Versammlungsort. Die Autos der Nazis wurden einzeln mit Streifenwagen bis an die Stadtgrenze geleitet. Ein Polizeischutz, der sonst Ministern vorbehalten ist und wieder Unmengen an Steuergeldern verschlungen hat.
Die Polizei beschränkte sich während der gesamten Versammlung darauf, gezielt Fotos und Videos von Antifaschisten zu machen und das Abrücken der Nazis zu schützen. Das übliche Spiel um drei Meter Raumgewinn für die Polizei führte dabei fast zu einer Eskalation. Kurzfristig stellten sich 15 Antifaschisten gegen 10 Polizisten, was diese mit harten Worten und fliegenden Fäusten beantworteten. Schnell beruhigte sich die Lage. Ebenfalls wahllos nahm die Polizei die Personalien von Antifaschisten auf. Hierfür reichte das Mitführen einer Kamera.
Um 18.00 Uhr begann dann der Abzug der Nazis. Unter lauten Protesten der Antifaschisten nahmen die NPD-Mitglieder reissaus und verließen die Stadt. Freundlich winkend grüßte der Wirt der Deutschen Bucht, Pico Wach, die Nazis und freute sich auf ein Wiedersehen. Die Polizei eskortierte auch hier jeden Wagen der Nazis bis zur Autobahn.
Bei der Abreise mussten die Nazis Gesicht zeigen, was einige durch Vermummung oder Hochhalten von Zeitungen erfolglos zu verhindern versuchten. Inzwischen war die Zahl der Antifaschisten erneut angestiegen, was den Lärmpegel bei der Abreise der Nazis nochmals deutlich hörbar erhöhte. Über den gesamten Tag hinweg konnte das Netzwerk gegen Rechts weit über 100 Menschen zur Demonstration mobilisieren. Für die Kurzfristigkeit und den Termin sicher ein grandioser Erfolg!
Auch zwei Wilhelmshavener Taxifahrer schlossen sich dem Protest kurzfristig auf ihre ganz eigene Weise an. Zur Deutschen Bucht gerufen, um abreisende Nazis zum Bahnhof zu bringen, drehten diese sofort ab, als sie von den Antifaschisten über ihre “Kundschaft” aufgeklärt wurden. Den Nazis blieb nur der Fußweg zum Bahnhof!
Der Muttertag 2010 hat bewiesen, dass Wilhelmshaven, auch ohne derzeit bestehende Nazi-Strukturen, ein beliebter Treffpunkt der braunen Brut bleibt. Er hat auch bewiesen, wie wichtig das Netzwerk gegen Rechts und antifaschsitischer Protest sind.
Eine Nachbereitung findet unter anderem auf dem nächsten Treffen des Netzwerk am Montag, den 17.05.2010 um 18.30 Uhr im DGB-Haus in der Weserstraße statt!
Das Wilhelmshavener Netzwerk gegen Rechts bedankt sich bei den Teilnehmern der Demonstration!
Hier noch ein paar Videos vom NPD-Parteitag am 09.05.2010 in Wilhelmshaven:
Daten, Fakten, Richtigstellungen:
- 50 Teilnehmer am NPD-Parteitag -
- Über 100 Antifaschisten bei Demonstration -
- 3 Hundertschaften Einsatzpolizei aus Oldenburg und Hannover (1 BPH und 1 BFE), sowie Streifenpolizei und Staatsschutz aus Wilhelmshaven -
- NPD-Parteitag von 10.00 Uhr bis 19.00 Uhr -
- NPD-Parteitag in Wilhelmshaven in der Gaststätte “Deutsche Bucht”, Ulmenstraße 17 -
- Organisation des antifaschistischen Protestes durch das Wilhelmshavener Netzwerk gegen Rechts -
(nicht die JUSOS, wie Teile der Presse berichteten!!!) -
- Beteiligte Parteien: Die LINKE, SPD, CDU, GRÜNE -
- Zwei Platzverweise durch die Polizei -
- Eine Strafanzeige wegen Verwendung verfassungsfeindlicher Symbole gegen NPD-Teilnehmer Sascha Jung -
- Veranstaltungsort (Deutsche Bucht) dient seit Jahren als Treffpunkt von Faschisten aus Norddeutschland -











Geschrieben am 11.05.2010 um 06:32 Uhr.
Moin,
vielen Dank für die umfangreiche Berichterstattung und die Richtigstellung. Wenn man sich die Presseartikel (auch in der örtlichen Zeitung!) so ansieht, fragt man sich manchmal, wie und wo die in den Artikeln verwendeten Informationen eigentlich recherchiert wurden.
Beste Grüße
Torsten Frank
Geschrieben am 13.05.2010 um 13:36 Uhr.
Hallo
Erst einmal muss ich euch für eure gute Bericht Erstattung und die Aktion loben
Leider ist mal wieder der Indymedia Artikel ziemlich peinlich geworden!
An den Indy Artikel merkt man leider wieder, wie schlecht die Wilhelmshavener Bewegung organisiert ist. Sonst würden solche Pannen nicht passieren
Kommentar stopp-rechts.de
Die Aktion zum NPD-Parteitag hat gezeigt, wie gut die Wilhelmshavener Bewegung organisiert ist. Es ist nicht unser Anliegen, Berichte im Internet zu bewerten oder zu rügen. jeder Teilnehmer an den Protesten gegen den NPD-Parteitag hat das Recht, den Tag aus seiner Sicht wiederzugeben. Unsere Sichtweise kann jeder Interessierte hier nachlesen. Alles weitere ist Sache von Indymedia und den Autoren, die meist ungeprüft dort schreiben können. Und auch das ständige Wiederholen der angeblichen “schlechten Organisation” des Wilhelmshavener Antifaschismus macht diese Aussage nicht minder falsch!
Geschrieben am 13.05.2010 um 15:06 Uhr.
Hallo
Warum sind in Wilhelmshaven eigentlich drei Gruppen aktiv ( Stop Rechts Antifaschistisches Bündnis und Antifa-Bi Nord) ist das nicht viel sinnvoller in Wilhelmshaven ein neues gemeinsames Projekt aufzubauen, dann würde vielleicht die Spalterei endlich einmal aufhören.
Warum unterstützt ihr eigentlich nicht die alte Molkerei, auch wenn das Projekt anscheinend Schwierigkeiten hat, hat die alte Molkerei immer noch eine Menge potenzial und ist sehr wichtig für Wilhelmshaven und gemeisame Räume hat noch keiner Stadt geschadet.
Kommentar stopp-rechts.de
stopp-rechts.de ist die Homepage des Wilhelmshavener Netzwerk gegen Rechts. In diesem Netzwerk sind diverse Parteien, Organisationen, Verbände, Gewerkschaften, Kirchen, Einzelpersonen und freie Zusammenschlüsse organisiert. Es sind also weit mehr als nur drei Gruppen antifaschistisch in Wilhelmshaven tätig. Das Netzwerk spaltet nicht, sondern verbindet die unterschiedlichsten antifaschistischen Strömungen, um gemeinsame Aktionen (NPD-Parteitag, Antifaschistischer Aktionstag, Kundgebungen, Informationsveranstaltungen) zu organisieren und zu koordinieren.
Die alte Molkerei steht im Netzwerk ebenso wenig zur Debatte, wie andere soziale oder kulturelle Projekte. Es ist nicht Ziel und Aufgabe des Netzwerkes, einzelne Projekte zu begleiten, sondern bestehende zu koordinieren. Das Netzwerk ist weder ein Sozialverband, noch eine Partei. Die Mitglieder des Netzwerkes gegen Rechts handeln und organisieren sich in Eigenregie und ohne jegliche Mitwirkung oder Einmischung des Netzwerkes.
Das Wilhelmshavener Netzwerk gegen Rechts sieht die unterschiedlichen antifaschistischen Strömungen nicht als “Spalterei”, sondern als positiven Ausdruck der Vielfältigkeit der antifaschistischen Bewegung. Und genau diese unterschiedlichen Strömungen werden im Netzwerk zusammengeführt und koordiniert. Das gemeinsame Auftreten auf Veranstaltungen, in der Presse und in internen Treffen ist Ausdruck der Einigkeit (bei allen verständlichen Problemen!) der Bewegung.