Werden wir Neonazis jemals loswerden?

Diese Frage zu stellen, ist so gut, wie zu fragen, warum es immer wieder Gewalt oder Kriege auf dieser Welt gibt. Die Antwort ist einfach. Der Mensch ist nicht perfekt. Er mag zwar von Natur aus nicht zu Aggression neigen, aber Frustration und Provokation lösen Ärger aus und dieser erleichtert impulsives und gewalttätiges Verhalten. Also, ja, es wird immer wieder Gewalt geben, ob nun in Form von staatlich organisierten, mit tausenden von Soldaten ausgefochtenen, technologisch geführten Kriegen, oder in Form von chaotischer, unregelmäßiger Gewalt mit Kalaschnikows, selbstgebastelten Bomben, Fäusten und Zähnen. Und, nein, leider werden wir die Existenz der Neonazis wohl niemals gänzlich loswerden.

Sehen wir uns nun einmal die aktuelle Situation konkret an. Wie gesagt, lösen Frustration und Provokation Wut aus. Ob aus der Wut Aggression und Angriffslust werden, hängt von der Persönlichkeit, der Situation und früheren Lernerfahrungen ab. Aggression gegen einen anderen Menschen wird umso wahrscheinlicher, je wütender man ist und je mehr man eine konkrete Person als Auslöser dafür verantwortlich machen kann. Wir haben aktuell in Deutschland und Österreich auf der einen Seite wieder eine ständig steigende Arbeitslosenrate (Frustration) und, auf der anderen Seite, eine steigende Zahl an Fremden bzw. Asylanten, die natürlich auch auf eine gewisse Art und Weise unterstützt werden müssen (Provokation). Diese beiden Faktoren führen zu Angst, Neid und Hass. Die Bevölkerung befürchtet, dass es ihr in Zukunft schlechter gehen wird und macht die Fremden dafür verantwortlich. Die Leute, die diesem Glauben anheimfallen, werden hellhörig und fallen leichter auf andere Menschen herein, die ihnen eine Lösung bieten.

Wir haben gesagt, dass nicht nur die Situation, sondern auch individuelle Eigenschaften großen Einfluss auf die Gewaltbereitschaft haben: erlernte Strategien, kulturelle Werte und Einstellungen gegenüber anderen, aber auch die jeweilige Breite an Fähigkeiten und bestimmte Persönlichkeitszüge wie Risikobereitschaft, geringes Selbstwertgefühl oder Extraversion spielen eine wichtige Rolle. Wo diese Eigenschaften mit frustrierenden und provozierenden Alltagssituationen zusammen kommen entsteht sehr schnell Wut, welche wiederum das impulsive Handeln erleichtert. Bei manchen Menschen wird Gewalt dann zur Erfolgsstrategie. Zum Teil auch, weil Alternativen zu dieser Strategie fehlen.

Auch die genaue Beschaffenheit der jeweiligen Situation ist wichtig. Je anonymer das Umfeld ist und je geringer die möglichen Konsequenzen sind, desto mehr wird üblicherweise Aggressionen freier Lauf gelassen. Organisierte Gruppen wie die Neonazis ermöglichen diese Anonymität. Sie geben ihren Mitgliedern außerdem Sinn, ein Gefühl der Gemeinsamkeit und eine Identität. Der Neonazismus bildet sozusagen ein exklusives, heldenhaftes Wir, das sich in der Gefahr bewährt und gegenseitig festigt. Er wird zu einer Art Sucht unsicherer Menschen.

Wenn dieses Phänomen auch in keiner Weise gutzuheißen ist und wir es auch nicht verschönern möchten, so ist es in gewissen Situationen doch mehr als verständlich. Denn wenn die Menschen in zunehmend schwierigen Situationen, bei steigendem Frust und Provokation keine Perspektiven, keinen Ausweg mehr sehen, haben sie auch nichts zu verlieren. In solchen Situationen ist die Hemmschwelle, in den „Krieg“ zu ziehen nur noch sehr klein, da Krieg immerhin einen Vorteil bietet: Im Krieg darf ich alles, was ich sonst nicht darf.